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„Ich glaube, der Künstler muss aus Prinzip immer gegen
Ästhetik sein. Künstler machen zyklisch Krisenzeiten durch,
in denen sie die Notwendigkeit verspüren, sich selbst zu zerstören.
Das spielt eine wichtige Rolle, denn wenn es uns glückt, steigen
wir dabei wie neugeboren aus unserer eigenen Asche“, sagte
Antoni Tàpies 1987 in einem Gespräch. Der spanische
Künstler, der 1923 in Barcelona geboren wurde, hat nicht nur
innere Krisenzeiten durchlebt, die an seinen Bildern abzulesen sind,
sondern auch Weltkatastrophen. Als er 13 Jahre alt war, brach der
Spanische Bürgerkrieg aus, der Hunderttausende von Menschenleben
forderte. Der Zweite Weltkrieg ging zu Ende, als er 22 war. In Spanien
folgte das Regime des Diktators Franco mit Verfolgung und Opfern.
„Ich will in meine Malerei – gleich, ob es gefällt
oder nicht – all das einbeziehen, was einem heute in meinem
Lande widerfährt: Das Leiden, die Schmerzen, das Gefängnis,
die Auflehnung. Die Kunst muss Wahrheit sein“, schrieb er
damals.
Tàpies gehöre zu der Generation, die entscheidend die
Kunst in den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts
revolutionierte, so die Kunstkritikerin Barbara Catoir, die das
Werk des Künstlers seit langem publizistisch begeleitet. Die
Vorstellung dieser Künstler von der Welt war neu, sie brachen
radikal mit der Vergangenheit, arbeiteten mit neuen Materialien,
sie hatten andere Erfahrungen als die früheren Generationen.
Im Werk von Antoni Tàpies fehlt – abgesehen von früheren
Arbeiten – der Mensch. Es finden sich nur Hinweise auf dessen
Existenz, auf sein Schaffen, auf seine Kultur: der Abdruck einer
Hand oder eines Fußes, Gegenstände wie Fundstücke,
ein Hemd, ein Schuh, ein Möbel.
Ende 1953 begann der katalanische Künstler den pastosen, krustigen
Farbauftrag seiner frühen Bilder noch zu steigern durch die
Beimischung anderer Materialien wie Sand, Erde, Leim oder Marmorstaub.
Mit Farbe vermischt trägt er sie auf die Leinwand auf, so dass
mauerähnliche, krustige, meist monochrome Farbflächen
entstehen, die er noch mit Werkzeug bearbeitet. Dieses Eingreifen
hinterlässt Verletzungen, Risse, Abschürfungen, Strukturen.
Die an „alte Mauern mit Spuren von Zerfall und Abnutzung erinnernden
Tafeln“, schrieb der Kunsthistoriker Andreas Franzke zu diesen
Bildern, „vermitteln dem Betrachter den Eindruck, einer greifbaren
Realität gegenüberzustehen“. Andere Interpreten
wollen in diesen Bildern auch Zerstörungen sehen, die gleichzusetzen
sind mit Gewalt und Aggression als den dunklen Seiten der menschlichen
Natur. Doch lassen sich die Einritzungen auch als Zeichen lesen,
die verschlüsselt auf eine versunkene Welt der Erfahrungen
und der Erinnerungen der Menschheit deuten.
Die still und hermetisch wirkenden Bilder von Tàpies sind
zugleich sehr beredt. Sie waren ein Protest gegen die Militärdiktatur,
sie sind ein Gegenpol zu den grellen und lauten Begleiterscheinungen
unserer Zeit. Sie sind Teil unserer Zeit und erinnern uns an die
nahe und ferne Vergangenheit, an längst versunkenen Mythen.
Sie sind gleichsam modern und archaisch. Die Stille in diesem Werk
ist seine Stärke. Tàpies: „Eines Tages versuchte
ich, geradewegs das Schweigen zu erreichen.“
N.B.
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