In Sook Kim

 

musen

Eröffnung am 2. September 2005, 18 Uhr

In Sook Kim, 1969 in Pusan (Südkorea) geboren, studiert seit 2001 an der Düsseldorfer Akademie bei Thomas Ruff.

Seit 2005 ist sie Ruffs Meisterschülerin.

 

Text von Prof. Dr. Jean- Christphe Ammann, in: Ausstellungskatalog In Sook Kim "musen", Kunstverein Recklinghausen 2005

Das Gesicht der Frau

Von Chatherine Breillat stammt der Satz „Was man an die Obszönität der Frauen nennt, und wofür man sie bestraft, ist just die Tatsache, dass ihre Anstößigkeit nicht sichtbar, aber von einer unstatthaften Kraft ist, dank derer sie für immer den Stempel des Dämonischen tragen.“ (Pornokratie“, München 2003, S. 34/35)
Was geschieht, wenn sich das „Dämonische“ der Frauen gegen sie selbst wendet? Als eine autoerotische „Anstößigkeit“, die das Extreme scheut? In Sook Kim hat eine Reihe von Fotos geschaffen, die das Antlitz der Frauen unter Anwendung einer Strangulation zeigen: Tränenüberströmt ist das asiatische; ängstlich und flehend zugleich ein anderes, das man mit den Händen umfassen möchte, um die sinnlichen Lippen zu küssen; Ekstatisch-entrückt jenes mit geöffnetem Mund, den Blick ins Unbekannte gerichtet; jenes, das in seiner Schönheit durch einen distanzierten, beobachtenden Blick gegenzeichnet ist; Anderes das sich dem Schicksal fügende, von schwarzen Haaren gerahmtes Antlitz; oder jenes, das über einem Würgeeisen den sanften Ausdruck eines Models besitzt; erschreckend das Gesicht einer Frau, das einer Toten gleicht, mit leblosen, blauen Augen, das linke leicht nach inne gerichtet; irritierend; jenes, dem die Erschöpfung anzusehen ist, als würde es, in Schweiß gebadet, nach Atem ringen.
In Sook Kim ist Künstlerin. Sie befragt das Begehren von Frauen, die sich in einer autoerotischen Stresssituation selbst erkunden. Ich könnte mir vorstellen, dass sie es deshalb tut, weil der Gesellschaftskörper als Ganzes obsessiv geworden ist.
In einer Selbstreflexion wird das Abgründige ausgelotet, dort wo Lust, Schmerz, Extase und Askese in eine emotionale Transzendierung münden. Dort, wo der Körper sich exzessiv spüren und erspüren lässt, die psychomentale Wucht die Explosivkraft eines Orgasmus erhält.
Schauen wir uns jene Serie an, in welcher das Antlitz der Frauen auf eine kommunikative Situation hinweist. Da sind Schmerzen und Tränen: das Ende einer Beziehung? Das eine Bild könnte aus einem Hollywoodfilm stammen, das andere wird dominiert von unförmigen Fingen mit knallroten Fingernägeln. Zwei Fotos zeigen Gesichte, die Assoziationen wachrufen: Eine Frau, ihre Partner reitend, erlebt einen glückserfüllten Orgasmus, im andren Bild läuft das Sperma über ihre Wangen und Lippen, so als hätte die Frau es so gewollt, mit Sehnsucht erwartet. Dann gibt es Fotos, in denen das Antlitz die Blickbegegnung erheischt und sucht. Gesichter, denen man schwer ausweichen kann: provozierend, melancholisch, verführerisch.
Das Drama eines Tages: Trennung, Liebe, Erwartung. Die Zyklen werden kürzer. Die Emotionen nicht geringer. Das Ganze wollen, mit der Vision von Dauer, die einbricht mit der Realität des Alltages, mit der geforderten „Flexibilität“ auf der Veränderungen zu reagieren. Die dritte Serie besteht aus Überblendungen von zwei Gesichten. Wie bei Thomas Ruff erleben wir dissoziirte Identitäten. Ein Hin - und Her - Grissen sein: Vom „Silberblick“ bis zur Verstümmelung. So als würde gleichzeitig die eine Emotion die andere wie einen Handschuh umdrehen: Die lauernde Beobachtung dessen, was man gerade lustvoll wahrnimmt, ja erlebt; das Gegenwärtigsein und Abschalten; der Traum, der nicht wahr sein kann; das Lächeln und die Abneigung; das Staunen und der Ekel, der Schrecken und die Faszination......
In Sook Kim, 1969 in Pusan (Korea) geboren, studiert seit 2001 an der Düsseldorfer Akademie bei Thomas Ruff. Seit 2005 ist sie Meisterschülerin.- Betrachte ich ihr Werk, glaube ich, dass sie auch über die Situation des Künstlers nachdenkt. Über diese Hektik der Marktkonformität, welcher der Künstler ausgesetzt ist. Nicht etwa, dass er sich dieser anpasst, sondern quasi gezwungen ist, seine Kontinuität, seine Haltung ständig unter Beweis zu stellen, dann, wenn sein Blickpunkt sich anders orientieren und der Marktkonformität entgegenläuft.
In Sook Kim hat ein „Sittenbild“ geschaffen, das auf der Ebene der Entäußerung die asiatische Erfahrung einer kollektive Individualität und Kreativität mit der westlichen verschränkt, die durch und durch individuell geprägt ist. Entäußerung meint jenen Schritt, von dem Catherine Breillat sagt, dass gerade in der Schwäche des weiblichen Körpers seine Kraft liege.
„Sein stiller Fluch gleiche dem Befehl, ihn so heftig wie möglich penetrieren zu lassen.“


 


In Sook Kim, musen

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