Text von Prof.
Dr. Jean- Christphe Ammann, in: Ausstellungskatalog
In Sook Kim "musen", Kunstverein Recklinghausen 2005
Das Gesicht der Frau
Von Chatherine Breillat stammt der Satz „Was man
an die Obszönität der Frauen nennt, und wofür man
sie bestraft, ist just die Tatsache, dass ihre Anstößigkeit
nicht sichtbar, aber von einer unstatthaften Kraft ist, dank derer
sie für immer den Stempel des Dämonischen tragen.“
(Pornokratie“, München 2003, S. 34/35)
Was geschieht, wenn sich das „Dämonische“ der Frauen
gegen sie selbst wendet? Als eine autoerotische „Anstößigkeit“,
die das Extreme scheut? In Sook Kim hat eine Reihe von Fotos geschaffen,
die das Antlitz der Frauen unter Anwendung einer Strangulation zeigen:
Tränenüberströmt ist das asiatische; ängstlich
und flehend zugleich ein anderes, das man mit den Händen umfassen
möchte, um die sinnlichen Lippen zu küssen; Ekstatisch-entrückt
jenes mit geöffnetem Mund, den Blick ins Unbekannte gerichtet;
jenes, das in seiner Schönheit durch einen distanzierten, beobachtenden
Blick gegenzeichnet ist; Anderes das sich dem Schicksal fügende,
von schwarzen Haaren gerahmtes Antlitz; oder jenes, das über
einem Würgeeisen den sanften Ausdruck eines Models besitzt;
erschreckend das Gesicht einer Frau, das einer Toten gleicht, mit
leblosen, blauen Augen, das linke leicht nach inne gerichtet; irritierend;
jenes, dem die Erschöpfung anzusehen ist, als würde es,
in Schweiß gebadet, nach Atem ringen.
In Sook Kim ist Künstlerin. Sie befragt das Begehren von Frauen,
die sich in einer autoerotischen Stresssituation selbst erkunden.
Ich könnte mir vorstellen, dass sie es deshalb tut, weil der
Gesellschaftskörper als Ganzes obsessiv geworden ist.
In einer Selbstreflexion wird das Abgründige ausgelotet, dort
wo Lust, Schmerz, Extase und Askese in eine emotionale Transzendierung
münden. Dort, wo der Körper sich exzessiv spüren
und erspüren lässt, die psychomentale Wucht die Explosivkraft
eines Orgasmus erhält.
Schauen wir uns jene Serie an, in welcher das Antlitz der Frauen
auf eine kommunikative Situation hinweist. Da sind Schmerzen und
Tränen: das Ende einer Beziehung? Das eine Bild könnte
aus einem Hollywoodfilm stammen, das andere wird dominiert von unförmigen
Fingen mit knallroten Fingernägeln. Zwei Fotos zeigen Gesichte,
die Assoziationen wachrufen: Eine Frau, ihre Partner reitend, erlebt
einen glückserfüllten Orgasmus, im andren Bild läuft
das Sperma über ihre Wangen und Lippen, so als hätte die
Frau es so gewollt, mit Sehnsucht erwartet. Dann gibt es Fotos,
in denen das Antlitz die Blickbegegnung erheischt und sucht. Gesichter,
denen man schwer ausweichen kann: provozierend, melancholisch, verführerisch.
Das Drama eines Tages: Trennung, Liebe, Erwartung. Die Zyklen werden
kürzer. Die Emotionen nicht geringer. Das Ganze wollen, mit
der Vision von Dauer, die einbricht mit der Realität des Alltages,
mit der geforderten „Flexibilität“ auf der Veränderungen
zu reagieren. Die dritte Serie besteht aus Überblendungen von
zwei Gesichten. Wie bei Thomas Ruff erleben wir dissoziirte Identitäten.
Ein Hin - und Her - Grissen sein: Vom „Silberblick“
bis zur Verstümmelung. So als würde gleichzeitig die eine
Emotion die andere wie einen Handschuh umdrehen: Die lauernde Beobachtung
dessen, was man gerade lustvoll wahrnimmt, ja erlebt; das Gegenwärtigsein
und Abschalten; der Traum, der nicht wahr sein kann; das Lächeln
und die Abneigung; das Staunen und der Ekel, der Schrecken und die
Faszination......
In Sook Kim, 1969 in Pusan (Korea) geboren, studiert seit 2001 an
der Düsseldorfer Akademie bei Thomas Ruff. Seit 2005 ist sie
Meisterschülerin.- Betrachte ich ihr Werk, glaube ich, dass
sie auch über die Situation des Künstlers nachdenkt. Über
diese Hektik der Marktkonformität, welcher der Künstler
ausgesetzt ist. Nicht etwa, dass er sich dieser anpasst, sondern
quasi gezwungen ist, seine Kontinuität, seine Haltung ständig
unter Beweis zu stellen, dann, wenn sein Blickpunkt sich anders
orientieren und der Marktkonformität entgegenläuft.
In Sook Kim hat ein „Sittenbild“ geschaffen, das auf
der Ebene der Entäußerung die asiatische Erfahrung einer
kollektive Individualität und Kreativität mit der westlichen
verschränkt, die durch und durch individuell geprägt ist.
Entäußerung meint jenen Schritt, von dem Catherine Breillat
sagt, dass gerade in der Schwäche des weiblichen Körpers
seine Kraft liege.
„Sein stiller Fluch gleiche dem Befehl, ihn so heftig wie
möglich penetrieren zu lassen.“
|