| Was in vielen der Fotografien von Andreas
Friedrich den Blick fesselt, scheint mir mit dem zunächst vagen
Begriff der Atmosphäre vielleicht am besten bezeichnet. In
ihnen verdichten sich Momente, scheinbar dem Fluss der Zeit enthoben,
zugleich fragil und vergänglich, Situationen, bestimmt von
Licht und Farben, zwar sorgfältig komponiert, aber bis zuletzt
offen für den Einbruch des Unvorhersehbaren. Sie zeigen Situationen,
die vertraut wirken, in einer Weise, die das Unvertraute hervorkehrt.
In zwei neueren fotografischen Serien verbindet sich dieser Sinn
für Atmosphären, für das Flüchtige und Unbestimmte
mit einem klar konzeptuellen Verfahren. Was zunächst wie ein
Widerspruch erscheinen mag, öffnet vielmehr den Raum für
ein Verständnis dessen, was Atmosphäre ist - oder vielmehr:
wie sie produziert wird.
Das Bild der Kerze im Dunkeln diente einst Gaston Bachelard als
kleinstes Modell einer atmosphärischen Situation. Ihre Flamme
lässt den Raum um den Betrachter gleichsam zusammenschrumpfen,
um ihn zugleich da, wo die begrenzenden Wände des Zimmers ins
Dunkel gehüllt werden, zum Unendlichen hin zu öffnen.
Die Kerze bildet das Zentrum ihres eigenen, durch sie selbst definierten
Raums der Sichtbarkeit. Dieser zugleich konzentrierte und ausgedehnte
Raum, der auch den Betrachter mit einschließt, wird als atmosphärischer
Raum erfahren.
Eine Atmosphäre ist immer bedingt – von einem Ding ausgehend
und dadurch bestimmt, wie dieses Ding seine Präsenz artikuliert.
Atmosphären sind Sphären der Anwesenheit von etwas, das
aus sich heraustritt, auf uns abstrahlt – etwas, das uns zugleich
fremd und vertraut erscheint. Die Atmosphäre ist ebenso Produkt
dieses Dings wie unserer eigenen Wahrnehmung - ihr Status verbleibt
im Ungefähren zwischen Subjekt und Objekt.
Weniger Schein als vielmehr Scheinen ist Atmosphäre etwas,
das nicht dargestellt, reproduziert werden kann, vielmehr in jeder
Darstellung erneut produziert werden muss. Konfrontiert mit Atmosphärischem,
tritt an die Stelle der Frage nach dem, was sich uns zeigt, notwendig
die nach dem Wie dieses Zeigens.
Eine der neueren fotografischen Serien von Andreas Friedrich zeigt
CityLight-Plakatsäulen im Raum Karlsruhe. Es handelt sich um
banale Objekte, Werbeträger, von innen her beleuchtete und
langsam um die eigene Achse rotierende Litfasssäulen, gekrönt
von einer spitzen, verzierten Haube aus Kunststoff. Ihre unbeholfen
historisierende Gestalt jedoch fällt kaum je ins Auge, wird
sie doch überblendet vom Strahlen der stets gleichen Werbebotschaften.
In Andreas Friedrichs Fotos löschen sich diese Botschaften
jedoch in der Langzeitbelichtung selbst aus. Zeit und Bewegung lassen
nur noch leuchtende Streifen von ihnen übrig. Dabei rücken
die Säulen so frontal in die Bildmitte, dass beinahe Portraits
entstehen, Portraits nicht der immer gleichen standardisierten Objekte,
sondern der von ihnen geschaffenen, individuellen Stadtsituationen.
Ihr Leuchten, losgelöst von seiner Funktion, erhellt und erschafft
zugleich die Atmosphäre der nächtlichen Stadt.
Auch die zweite Serie bedient sich vorgefundener Lichtsituationen.
Entstanden an der holländischen Nordseeküste, zeigen die
Fotografien den nächtlichen Strand, wie er von den Scheinwerfern
der umgebenden Restaurants und Cafés beschienen wird. In
ihrem harten Licht werden die Furchen im Sand zur Wüste, ja
zur Mondlandschaft. Die Scheinwerfer strahlen hinaus bis aufs Meer,
wo die Brandung der Wellen in der Langzeitbelichtung zum abstrakten
Farbstreifen gerinnt, der sich vom tiefschwarzen Nachthimmel absetzt.
Das künstliche Licht macht hier eine ansonsten unsichtbar gebliebene
Landschaft sichtbar, eine Landschaft, bestehend aus den einfachsten
Koordinaten: Strand, Meer, Horizont, Himmel. Doch im gleichen Licht
wird diese nur allzu vertraute Abfolge auch wieder beinahe unkenntlich,
leuchtet in übernatürlichen Farben auf und versinkt wieder
in tiefster Schwärze. Diese Unkenntlichkeit steigert sich noch
in der Langzeitbelichtung: der Meeresstreifen am Horizont verliert
seine Materialität und wird zum reinen atmosphärischen
Leuchten.
Dieses Leuchten bezeichnet nicht mehr einen Gegenstand, sondern
nur noch die Weise, in der dieser aus sich heraustritt, einen Raum
erschafft, uns entgegentritt. Dass sie diesem notwendig Unbestimmten
eine präzise Form gibt, gehört zu den eigenartigen, beinahe
magischen Qualitäten von Andreas Friedrichs Fotografie.
von Roland Meyer
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