ANDREAS FRIEDRICH
Fotografie
6. März - 21. April 2004

Was in vielen der Fotografien von Andreas Friedrich den Blick fesselt, scheint mir mit dem zunächst vagen Begriff der Atmosphäre vielleicht am besten bezeichnet. In ihnen verdichten sich Momente, scheinbar dem Fluss der Zeit enthoben, zugleich fragil und vergänglich, Situationen, bestimmt von Licht und Farben, zwar sorgfältig komponiert, aber bis zuletzt offen für den Einbruch des Unvorhersehbaren. Sie zeigen Situationen, die vertraut wirken, in einer Weise, die das Unvertraute hervorkehrt.
In zwei neueren fotografischen Serien verbindet sich dieser Sinn für Atmosphären, für das Flüchtige und Unbestimmte mit einem klar konzeptuellen Verfahren. Was zunächst wie ein Widerspruch erscheinen mag, öffnet vielmehr den Raum für ein Verständnis dessen, was Atmosphäre ist - oder vielmehr: wie sie produziert wird.
Das Bild der Kerze im Dunkeln diente einst Gaston Bachelard als kleinstes Modell einer atmosphärischen Situation. Ihre Flamme lässt den Raum um den Betrachter gleichsam zusammenschrumpfen, um ihn zugleich da, wo die begrenzenden Wände des Zimmers ins Dunkel gehüllt werden, zum Unendlichen hin zu öffnen. Die Kerze bildet das Zentrum ihres eigenen, durch sie selbst definierten Raums der Sichtbarkeit. Dieser zugleich konzentrierte und ausgedehnte Raum, der auch den Betrachter mit einschließt, wird als atmosphärischer Raum erfahren.
Eine Atmosphäre ist immer bedingt – von einem Ding ausgehend und dadurch bestimmt, wie dieses Ding seine Präsenz artikuliert. Atmosphären sind Sphären der Anwesenheit von etwas, das aus sich heraustritt, auf uns abstrahlt – etwas, das uns zugleich fremd und vertraut erscheint. Die Atmosphäre ist ebenso Produkt dieses Dings wie unserer eigenen Wahrnehmung - ihr Status verbleibt im Ungefähren zwischen Subjekt und Objekt.
Weniger Schein als vielmehr Scheinen ist Atmosphäre etwas, das nicht dargestellt, reproduziert werden kann, vielmehr in jeder Darstellung erneut produziert werden muss. Konfrontiert mit Atmosphärischem, tritt an die Stelle der Frage nach dem, was sich uns zeigt, notwendig die nach dem Wie dieses Zeigens.

Eine der neueren fotografischen Serien von Andreas Friedrich zeigt CityLight-Plakatsäulen im Raum Karlsruhe. Es handelt sich um banale Objekte, Werbeträger, von innen her beleuchtete und langsam um die eigene Achse rotierende Litfasssäulen, gekrönt von einer spitzen, verzierten Haube aus Kunststoff. Ihre unbeholfen historisierende Gestalt jedoch fällt kaum je ins Auge, wird sie doch überblendet vom Strahlen der stets gleichen Werbebotschaften. In Andreas Friedrichs Fotos löschen sich diese Botschaften jedoch in der Langzeitbelichtung selbst aus. Zeit und Bewegung lassen nur noch leuchtende Streifen von ihnen übrig. Dabei rücken die Säulen so frontal in die Bildmitte, dass beinahe Portraits entstehen, Portraits nicht der immer gleichen standardisierten Objekte, sondern der von ihnen geschaffenen, individuellen Stadtsituationen. Ihr Leuchten, losgelöst von seiner Funktion, erhellt und erschafft zugleich die Atmosphäre der nächtlichen Stadt.
Auch die zweite Serie bedient sich vorgefundener Lichtsituationen. Entstanden an der holländischen Nordseeküste, zeigen die Fotografien den nächtlichen Strand, wie er von den Scheinwerfern der umgebenden Restaurants und Cafés beschienen wird. In ihrem harten Licht werden die Furchen im Sand zur Wüste, ja zur Mondlandschaft. Die Scheinwerfer strahlen hinaus bis aufs Meer, wo die Brandung der Wellen in der Langzeitbelichtung zum abstrakten Farbstreifen gerinnt, der sich vom tiefschwarzen Nachthimmel absetzt. Das künstliche Licht macht hier eine ansonsten unsichtbar gebliebene Landschaft sichtbar, eine Landschaft, bestehend aus den einfachsten Koordinaten: Strand, Meer, Horizont, Himmel. Doch im gleichen Licht wird diese nur allzu vertraute Abfolge auch wieder beinahe unkenntlich, leuchtet in übernatürlichen Farben auf und versinkt wieder in tiefster Schwärze. Diese Unkenntlichkeit steigert sich noch in der Langzeitbelichtung: der Meeresstreifen am Horizont verliert seine Materialität und wird zum reinen atmosphärischen Leuchten.
Dieses Leuchten bezeichnet nicht mehr einen Gegenstand, sondern nur noch die Weise, in der dieser aus sich heraustritt, einen Raum erschafft, uns entgegentritt. Dass sie diesem notwendig Unbestimmten eine präzise Form gibt, gehört zu den eigenartigen, beinahe magischen Qualitäten von Andreas Friedrichs Fotografie.

von Roland Meyer

Flashing TV-Tower, Karlsruhe 2002
C-Print auf Alu/Dibond, 96 x 96 cm 
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