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Andreas Friedrich

Der Fotograf, der zuviel wusste...
Ein Versuch über die Fotografien Andreas Friedrichs

Die Fotografien Andreas Friedrichs haben eine Sogwirkung. Sie üben eine Faszination aus, deren Ursache zunächst unklar bleibt. Die häufigste und deshalb vielleicht aussagekräftigste Reaktion auf seine Bilder ist etwas banal ausgedrückt folgende: „Es sieht aus, als sei das nicht echt.“ Schließt man nun die Tatsache in die Betrachtung mit ein, dass es sich ausschließlich um analoge Fotografien handelt und, dass diese auch nicht inszeniert sind, erhöht es das Befremden noch zusätzlich. Eigentlich werden ja Räume und Dinge abgebildet, die unserer Alltagsrealität entsprechen und dennoch wirkt alles wie eine Kulisse der Realität. Woher kommt also diese Fremdheit? Die Klarheit und Konzentration der Aufnahmen scheint einer höheren Perspektive oder Reflexionsebene zu entstammen und in starkem Kontrast zum Gefühl der Fremdheit. Die Fotografien wirken wie ein Schock, der die normalen Sehgewohnheiten unterbricht und erfüllen damit die Anforderungen der modernen Kunst.

Wenn es einen Künstler gibt, dessen Name für die Freude der Verfremdung auch des banalsten Inhalts stehen kann, dann ist es Alfred Hitchcock. Seinem Diktum folgend „Ein Mord in einem Irrenhaus ist weit weniger interessant als ein Mord in einem Gemüseladen.“, wird unsere Alltagsrealität plötzlich zur Bühne eines fremden, unbekannten Plans. Es scheint auf einmal, als sei die abgebildete Welt feindliches Territorium, alles wird suspekt - unterliegt einem undefinierbaren Verdacht. Das entspricht in etwa der Wirkung von Friedrichs Bildern. Denn selbst wenn diese Menschen zeigen, so stehen diese nicht im Zentrum, sondern sind Elemente einer nicht zu durchschauenden Konstruktion. Möglicherweise kann also Hitchcock beim Fall Friedrich helfen.

Bei „ Zoobwsucher “ sieht man mit dem Mann, der Gedanken - versunken auf einer Bank sitzt und ins Aquarium blickt, nicht nur ihn selbst; sondern mit diesem Blick auch seine Reflexion. Sie wird gefangen durch eine andere Realität, die Unter-Wasser Realität. Das Foto wirkt wie eine Visualisierung metaphysischer Fragen und spiegelt gleichzeitig unsere Fragen, die wir beim Betrachten des Bildes haben. Dennoch erscheint uns die Situation des einsamen Herren verloren und ungerechtfertigt angesichts ihrer Unlösbarkeit. Wie auch bei Hitchcocks bedrängten Protagonisten, die all ihre Energie darauf verwenden eine fremde Logik zu durchschauen, ist das Denken im Kunstwerk enthalten.

Auch die Fotografie des alten Mannes im Park („ Phoenix Park “ ), der beim Müll Einsammeln die Plastiktüte im Baum übersieht, zeigt sein Unbewusstes: wir sehen, was er nicht sehen kann. Die Vergeblichkeit seines suchenden Blickes drückt etwas mehr aus als nur das: Es erinnert uns daran, dass unser Leben sich immer im Zustand der Unfertigkeit befindet, daran dass zu jedem Zeitpunkt irgendetwas unvollendet, unbeachtet, außer Kontrolle bleibt.

Das Auto von „ Das Auto steckt im Schnee fest ! “, das im nächtlichen Schneetreiben im Wald liegen geblieben ist, und von den Männern angeschoben wird, zeigt die, auch für Hitchcock typische, heimtückische Herrschaft der Dinge, die dem Menschen eigenwillig zuwiderhandeln, existenzielle Dimension erhalten und die Vergeblichkeit seiner Bestrebungen, in einer bedrohlichen, fremden Umwelt bloßstellen. Das Auto kontrolliert souverän die Anstrengungen und sogar die starken Männer scheinen schutzlos.

Bei anderen Fotografien wiederum scheint ein anderes Zeitgefühl zu herrschen: Die Litfasssäule in der nächtlichen Stadt (Rakete 01) zeigt keine Reklame, das Kurzlebige ist unterdrückt, und man sieht nicht mehr das vergängliche, menschliche Phänomen, sondern so etwas wie die Essenz von Werbung und die Vergänglichkeit unserer eigenen kommerziellen Interessen, so als ob, unser Tun von einem Gott beobachtet würde.

Die Fotografien der nächtlichen Häuser sind vom Mysterium umgeben. Sofort überfällt den Betrachter das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt. Ähnlich wie bei Hitchcocks Suspense- Verfahren stellt sich der Effekt der Ruhe vor dem Sturm ein. Aber die Erwartungshaltung muss enttäuscht werden, da es sich nicht um Filme, sondern Momentaufnahmen handelt. Vergeblich sucht man die Bilder immer wieder nach einem Hinweis ab und beginnt dann sukzessive alles in Frage zu stellen. Man ist sich auf einmal nicht mehr sicher, dass es Häuser sind, in denen Menschen wohnen. Fast sieht es aus als seien sie massiv oder innen hohl, als handele es sich nur um Attrappen.

Die Bilder der Felder („ Feld Studie 01 – 05“ ) erzeugen die gleiche Platzangst, die einen bei Hitchcocks „Der dritte Mann“ überfällt. James Stewart wird in einem platten Feld von einem Flugzeug gejagt. Bei Friedrich sind die Felder eine Kulisse, in der jeden Moment die Bedrohung erscheint.

Noch befremdlicher wird es bei der „ Strandbild “ Serie. Die Strände, die durch das Licht der Strandbars farbig erscheinen, wirken wie bizarre, außerirdische Landschaften, in die beim besten Willen keine Menschen gehören, sondern allenfalls Marsmenschen. Bei einigen Bildern ist nicht mal sicher, dass man den Strand und das Meer hier erkennen würde, sofern man nicht wüsste, was gezeigt wird.

Jetzt komme ich zu dem Bild, das die Lösung des Rätsels der Fotografien zu präsentieren scheint: „Ausserirdische, Achtung !“. In einer im schwarzen Raum verborgenen Schaltkammer sitzen die zwei dunklen Götter, die aus erhöhter Perspektive beobachten und die Fäden des Geschehens in der Hand halten. Slavoi Zizek schreibt über Hitchcock, dass es all seinen Werken gemein ist, dass der Mensch völlig unverschuldet unter Verdacht gerät und in Schuld verstrickt wird, die eigentlich in keiner Beziehung zu seinem Charakter und seinen Taten steht. Hitchcock hat die Vision, dass wir von einem grausamen, selbstgerechten, unergründlichen Gott gelenkt werden, der aus keinem ersichtlichen Grund das Leben in einen Alptraum verwandeln kann. Da aber bei Hitchcock die bürgerliche Wirklichkeit für diesen Schrecken im Grunde nicht gemacht ist, stehen Harmlosigkeit und Alptraum immer in einem Verhältnis der Abstoßung und Anziehung, die ein Gleichgewicht von Drama und Komödie erzeugen. Man weiß eigentlich niemals so recht, ob man das Abgebildete für komisch oder bestürzend halten soll. Und genau das ist der gekonnte Effekt von Friedrichs Bildern.

Susanne Kirsch

1. Slavoj Zizek u.a. „Was sie schon immer über über Lacan wissen wollten und nie Hitchcock zu fragen wagten“ S.189 Frankfurt 2002
 
 
 
 
Look Out With Saturn Moon Titan , 2005
C-Print auf Alu/Dibond, 96 x 96 cm
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